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Mortimer Barten Leben und Leben lassen

Mortimer Barten

Leben und Leben lassen

(Geschätzte Lesezeit: 2 - 4 Minuten)

Bei Instrumenten und Controllern gibt es Prinzipien, die sich nicht wirklich grundsätzlich ändern. Ich mein, hier und da kommen Funktionen dazu, Knöpfe blinken bunter als früher, und ja, auch ich kauf immer wieder irgendeinen Scheiß weil die Bedienung des Vorgängermodells (von vor sechs Monaten oder so) hoffnungslos veraltet ist und ich so einfach nicht arbeiten kann! Da sag noch einer, im Musikbusiness gäb's kein Geld zu verdienen! Neues Equipment ist schon leider geil.

Man muss sich aber halt auch immer damit beschäftigen und in die Funktionsweise einarbeiten. In der Realität siehts wohl eher so aus, dass das Potential so manch eines 799,- EUR Boliden doch immerhin für ungefähr 7,99 EUR oder so ausgeschöpft wird. Aber kein Problem, mit dem Nachfolgemodell wird alles besser.

Zum Glück gibt es aber auch Dinge, die sich nicht ständig ändern, so wie die gute alte Klaviatur: schwarze und weiße Tasten von Anfang an. Sie ist die Basis für so manch eine Entwicklung, von Cembalo bis Zieharmonika, von Hammond-Orgel und Analog-Synthesizer ganz zu schweigen. Letztere warteten in den 70gern dann schon mit einigen Zusatzfunktionen auf, die über Pitch- und Modulationsrad weit hinausgingen. Aber warte mal. Wirklich erst seit den 70gern? Ein Besuch der Welschnonnenkirche in der Trierer Innenstadt bringt Licht in das Dunkel der Geschichte des Synthesizers. Dort steht nämlich eine kleine Orgel. Das macht Sinn, denn die Kirche ist auch klein. Die Empore ist ungefähr zehn Meter breit, vielleicht auch zwölf. Und ich kann mir genau vorstellen wie damals so um 1750 das Gespräch mit dem Orgelbauer lief. "Wir haben da einen ganz großen Auftrag, super abgefahren, echt jetzt, das wird ein Riieesending, größer als der letzte Scheiterhaufen, ha-ha-ha! Das wird ein Sound den die Welt noch nicht gesehen hat, also, gehört natürlich, ha-ha-ha, Sie verstehn schon! Also damit das klar ist, das Teil muss einfach bombastisch klingen! Mehr Drama Baby! Die Kirchelieder mussäh läben! Was? Einschränkungen? Ach papperlapapp, absolut keine. Machen Sie sich da gar keine Sorgen. Also...naja...außer, ach, das sehen Sie ja dann. Und, nehmen Sie den Auftrag an?".

Geeenau. Und dann standen die Brüder Heinrich und Philipp Stumm da auf der Empore und wussten, dass sie sich was einfallen lassen mussten um nicht selber auf dem nächsten Scheiterhaufen zu landen. Doch da schien plötzlich ein Lichtstrahl durch das Bleiglasfenster, das am nächsten zum Altar ist, genau an die Stelle wo die Orgel jetzt steht. Das Licht brach sich im Staub, der in jedem altehrwürdigen Gemäuer in der Luft hängt, und ein Windhauch zeigte den Meistern des Handwerks den Weg des Luftstrom den das Instrument haben sollte, und  machten sich ans Werk. Das Ergebnis konnte sich sehen lassen, ab 1757, um genau zu sein. Die Orgelbauer sind nämlich einfach kreativ geworden und haben - um den räumlichen Einschränkungen zu entkommen -  ein paar Gimmicks in die Orgel eingebaut, die sich in vergleichbarer Form immer noch in aktuellen Tasteninstrumenten wiederfinden. In der Zwischenzeit wurde die Orgel einige Male umgebaut, sorry, kriegte Upgrades. Aber Jetzt ist ja alles wieder retro, deshalb wurde sie in der letzten Restauration im Jahr 2006 in ihr Original-Setup zurückversetzt. Gäb's das Teil bei Thomann, würde die Feature-Liste etwa so aussehen:

  • Ultrakompaktes Multitalent!
  • Anschlagdynamische 49-Tasten Klaviatur mit echter Elfenbein-Haptik
  • Klaviatur mit Split-Funktion und Aftertouch
  • Elf frei kombinierbare Presets
  • Eingebauter Vocoder
  • Authentische Trompeten- und Flötensounds mit Timbre
  • Natural-Groove Continous-Breath-Control Funktion mit zuschaltbarer Luftmodulation

Das ist echt wie ein kleiner Synthie! Es gibt wirklich eine Split-Funktion und ein paar ganz ungewöhnlich klingende Register - Flöte, Trompete, Vox Humana, u.a. -  mit dem Ergebnis, dass die Orgel ungefähr drei Mal so groß kingt, wie sie ist. Und das mit komplett mechanischen Spiel- und Registertrakturen, voll mit ohne Strom. Am Tag des Offenen Denkmals, der jeden zweiten Sonntag im September in Trier ist, hat der Organist ein paar Kostproben gegeben und das Instrument erklärt. Ich kann jedem Musiker nur empfehlen, sich das einmal anzusehen und vor allem anzuhören. Zurück zu Hause hab ich mein gutes altes  MIDI Keyboard mit anschlagdynamischer 49 Tasten-Klaviatur und Preset-Schaltern mit anderen Augen gesehen. Rock on!

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